ERV-Vorschau_2025-2

20 FASD Ohne Filter Mia schließt Freundschaft mit ihrem Körper Wie Mia das Gefühl überwindet, hässlich zu sein. Sie entdeckt, dass nicht alles stimmt, was andere ihr einre- den wollen, und dass auch ihre eigenen Gedanken ver- änderbar sind. Mia ist ein zurückhaltendes Mädchen. Sie braucht nicht viele Menschen um sich herum. Wenige enge Freudinnen sind ihr ge- nug. Ihr Zimmer hat sie mit Lichterketten, Pflanzen und blauen Plüschkissen dekoriert. In einer Ecke liegt ihr Fußball, den sie allerdings lange nicht mehr benutzt hat. Er ist völlig verstaubt. Dafür ist ihr Schminktisch voll mit brandneuen Cremetuben. Es riecht nach Parfum. Mia gibt ihr ganzes Taschengeld für die Schönheitspflege aus. Um fünf Uhr morgens sitzt sie bereits vor dem Vergröße- rungsspiegel. Mit diesem kann sie die einzelnen Poren und Pi- ckel noch besser erkennen. Gerade versucht sie, mit einer Reini- gungslotion ihre Akne zu bekämpfen. Das blonde Haar hat sie zu einem strengen Zopf zusammengebunden. Gleichzeitig läuft auf ihrem Handy ein TikTok-Video zum Thema „Clean-Look“. Mia lässt die Schultern hängen. Ich bin so hässlich, denkt sie. Die TikTokerin hat so reine Haut. Das muss ich auch endlich schaffen. Traurig scrollt sie weiter, um das nächste Video anzu- schauen und hier vielleicht eine Lösung zu finden. Verzweifelt reibt sie das Wattepad noch fester gegen ihre Wange, während die Tränen laufen. Die von der TikTokerin versprochene Ver- wandlung zum „Clean Girl“ ist bei ihr bisher ausgeblieben. So kann ich mich in der Schule nicht blicken lassen, denkt sie. Mitsamt Klamotten kriecht Mia schließlich weinend unter die Bettdecke. Zur Schule wird sie heute sicher nicht gehen. Der Är- ger mit ihren Eltern lässt nicht lange auf sich warten. „Mia, magst du mal versuchen, dich zu erinnern, wann du das letzte Mal ein kleines bisschen zufrieden mit deinem Aussehen warst?“, beginnt die Therapeutin das Gespräch. Komisch, denkt Mia, die Frau hat denselben Pulli an wie auf dem Foto auf ihrer Homepage. Sie wiederholt die Frage still in ihrem Kopf. Wann ich mich das letzte Mal nicht total hässlich fand? Puh, das ist lange her. „Keine Ahnung“, sagt sie. „Naja … jetzt bin ich Siebtklässlerin. Vielleicht so in der 4. oder 5. Klasse,“ fügt sie hinzu. Dabei dreht sie gedankenverloren an ih- rem grünen Haarband, das sie am Handgelenk trägt. „Was war damals anders?“, interessiert sich die Therapeutin. „Ich hab einfach weniger über mein Aussehen nachgedacht. Es war noch nicht so wichtig für mein Leben.“ Mias Blick fällt auf ein Bild an der Wand des Therapiezimmers, auf dem sechs ganz unterschiedlich aussehende junge Frauen zu sehen sind. In den TikTok-Videos sehen alle Frauen ähnlich aus, denkt Mia. „Gab es noch andere Unterschiede zwischen damals und heute?“, erkundigt sich die Therapeutin. „Ich war weniger auf TikTok und ich wusste nicht viel von Styling.“ „Was hast du denn stattdessen gerne gemacht?“ Iris Soppa-Fischer , Darmstadt, ist approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (VT) und Lehrsupervisorin. Seit mehr als 20 Jahren begleitet sie Familien, Kinder und Jugendliche, u.a. mit Systemischer und Lösungsfokussierter Beratung. Tina Ritter , Darmstadt, ist Künstlerin und Dipl.-Ing. Architektin. Ihre Bilder werden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt. „Zeit mit meinen Freunden verbracht, Fußball gespielt, so Sa- chen halt. Aber selbst, wenn ich das jetzt wieder mehr machen würde, fände ich mich immer noch hässlich.“ „Kann es sein, dass du eine sehr genaue Vorstellung entwi- ckelt hast, wie du aussehen müsstest?“, hakt die Therapeutin nach. „Zum Beispiel so wie die TikTokerinnen in den Videos?“ Mia nickt. „Und dieses Aussehen ist schwer zu erreichen, obwohl du dir so viel Mühe gibst?“, fragt die Therapeutin verständnisvoll. Mia nickt erneut und schaut wieder auf das Bild an der Wand. „Magst du mir vielleicht mal ein Video zeigen, das du oft an- schaust?“ Mia zückt ihr Handy. Ganz wohl ist ihr dabei allerdings nicht. Sie mag es nicht, wenn Erwachsene auf ihr Handy schauen. Da sind so viele persönliche Sachen drauf. Sie studiert das Gesicht der Therapeutin, während diese sich einige Bilder und Videos ansieht. Kritisch zieht diese die Augenbrauen zusammen und fragt schließlich: „Wollen wir mal zusammen überprüfen, ob die Frauen in den Videos auch in Wirklichkeit so aussehen, wie es in den Bildern scheint?“ Bei genauem Hinsehen entdeckt Mia, dass die TikTokerinnen beim Lächeln wenig Lachfalten im Gesicht haben. „Ein klares Zeichen dafür, dass beim Videodreh ein Filter benutzt wurde“, informiert die Therapeutin. „Die meisten Videos und Fotos werden von den Influencerinnen digital überarbeitet. Sie ent- sprechen nicht mehr der Realität. Es ist nämlich gar nicht mög- lich, in echt so auszusehen. Viele Mädchen fühlen sich nach dem Schauen von solchen Videos schlecht.“ Pädagogisch-therapeutische Kinderbücher 8 Interview möglich!

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